Liebe

Ausschnitt aus 'Die Liebe' von Christian Malzahn

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Eine grosse Herausforderung ist das allgemeine Verständnis über jenes, was man heute unter "Liebe" versteht. Emotionen werden als "Liebe" bezeichnet; emotionale Problematiken mit Liebe gleichgesetzt.

Wenn es nach mir ginge, bräuchten wir zwei Worte für "Liebe": ein Wort für Liebe im spirituellen Sinn und ein anderes Wort für die Emotionalität und Anziehungskraft zwischen den Menschen.

Liebe ist in ihrer Essenz weder Emotion; geschweige denn emotionales Anhaften. Liebe ist die Wahrheit und Gewissheit des Grösseren in uns. Das Kleinere in uns, unser Verstand, er fragt, weil er ständig wieder vergisst; er macht uns emotional; lässt uns emotional agieren. Wer es wagt, diese Differenzierung von Liebe und Emotionen zu betrachten, dem eröffnet sich ein völlig neues Verständnis. Die Liebesfähigkeit ist bei den Meisten von uns leider nur wenig entwickelt. Deshalb geschehen unter dem Aspekt "Liebe" so viele Dramen und es gibt viele Missverständnisse.

Die drei häufigsten Ansichten in Bezug auf die Liebe sind die Gleichstellung der Liebe mit Sexualität, die Reduzierung der Liebe auf Gefühle und Partnerschaft und die Gedankenbrücke, welche die Liebe in einem Atemzug mit Leid und Hass in Verbindung bringt.

Was allgemein unter "Liebe" verstanden wird, sind oftmals projizierte Bedürfnisse, Sehnsüchte, Ängste, Erwartungen, Besitzansprüche und Triebhaftigkeit.

Sicher, die Liebe findet Ausdruck in der Zuneigung, in der Liebe zum Partner (und Eltern, Tieren und Sonstiges); aber oftmals ist ein Ausdruck, der als "Liebe" interpretiert wird, von seiner Herkunft her alles andere als Liebe, Die Liebe spüren wir auf der Gefühlsebene, bzw. auf der emotionalen Ebene, aber Liebe ist nicht gleich Gefühl oder Emotion; vielmehr ist Liebe ein Seins-Zustand.

Was die Liebe davontreibt, sind Erwartungen, Eifersucht, Bedürftigkeit, Streit und Machtkämpfe. Übernehmen diese die Regie, verlässt die Liebe leise den Raum. Doch sie kommt wieder herein, wenn man sie einlädt, ihr Raum schafft; sich ihrer besinnt.

Liebe ist kein Gefühl, sie ist Wissen.   (Barry Long)

 

Liebe und Bedürftigkeit sind Begriffe, die oft in einen Topf geworfen werden.
Jedes Gefühl, wie "ohne Dich kann ich nicht sein", "ohne Dich will ich nicht leben" oder ähnliches, ist nicht Liebe. Aber leider werden gerade diese "romantischen" Attribute kollektiv als "Liebe" verstanden. Die emotionale "Schmacht" hat ganz andere Gründe. Diese Schmacht ist Ausdruck eines tief in der Seele sitzenden Defizits. Ich habe bei diesem Bild immer das verletzte, traurige, emotional vernachlässigte, sehnsüchtige Kind im Sinn; das Innere Kind. Die Partnerschaft muss dann dafür herhalten, die Sehnsüchte des Inneren Kindes zu stillen. Zwei "Kinder" kommen zusammen in ihrer gegenseitigen Bedürftigkeit und Liebesunfähigkeit. Doch Liebesfähigigkeit braucht Zeit, um sich entwickeln zu können. Haben wir in der Kindheit wenig Liebe und Zuwendung erfahren, so stellt diese sich nicht automatisch im Erwachsenenleben ein. Es bleibt ein Defizit in der Liebesfähigkeit und wir sind versucht, dieses Defizit über die Partnerschaft wieder hereinzuholen. Im übernächsten Abschnitt greife ich das Thema nochmal auf.

Bedürfigkeit ist ein grosser Liebe-Vertreiber. "Bedürftigkeit" ist das, was wir in uns aufkommt, wenn wir uns vorstellen, dass da etwas ist, was wir jetzt nicht haben, wir es aber brauchen, um glücklich zu sein. Weil wir glauben, dass wir es brauchen, werden wir alles tun, um es zu bekommen. So leben wir einen "Bedürfnisaustausch" oder "Bedürfnishandel" und nennen dies "Liebe". Gekoppelt an die Bedürftigkeit ist die Erwartung, denn im Rahmen dieses Bedürfnishandels liegt ja die Erwartung, dass das Gegenüber sich an den Handel hält. Tut er das nicht, sind alle Wege offen für die Eifersucht, denn der "Handelspartner" könnte ja wo anders seine "Geschäfte" abwickeln. Dass aus dieser Einstellung natürlich viel Schmerz und Leid hervorgeht, ist unumgänglich.

Brauchen und gebraucht werden gehört eigentlich zum Thema "Liebe und Bedürftigkeit", aber ich widme dem Brauchen und Gebraucht werden einen besonderen Absatz. Meiner Meinung nach hat das Brauchen und die Bedürftigkeit mit dem, was Liebe ist, wenig, oder besser gesagt, gar nichts zu tun.
"Ich brauche Dich, weil ich Dich so sehr liebe" drückt Bedürftigkeit aus. Genauso bei „wenn du ‚dies und das‘ nicht tust, fühle ich mich nicht geliebt“.

Das Brauchen und Gebrauchtwerden und auch Verzicht haben ihren Ursprung unter anderem in der Beziehung von Eltern zum Kind. Das Kind braucht Mutter/Vater. Eltern verzichten für diese Zeit aus Liebe zum Kind auf gewisse Bereiche ihres Egos. Sie bekommen das Gefühl, gebraucht zu werden. Die Aufgabe der Eltern ist es, dem Kind den Weg in die Welt zu weisen, damit das Kind die Eltern nicht mehr braucht, wenn es gross ist. Bemerkenswerterweise wird dieser Aspekt der Liebe; die Liebe von Eltern zum Kind, auf die partnerschaftliche Beziehung übertragen. Das Brauchen und Aufgeben wird aufrechterhalten. Ich komme hier zum Fazit, dass das ganze Theater um das Brauchen, Verzichten und Aufgeben mit den ungestillten Bedürfnissen des Inneren Kindes zu tun hat, was mich zu folgender Aussage bringt: Die Liebesfähigkeit hat sich bei den Meisten nicht über die Kinderstufe herausentwickelt. Deshalb geschehen unter dem Aspekt "Liebe" so viele Dramen und so viele Missverständnisse.

Was die Meisten vergessen haben: es kann niemals im Aussen gefunden werden, was nicht in einem selbst ist. Das, was in einem fehlt, kann nicht von aussen gefüllt werden. Man kann seine Erfüllung mit jemanden teilen, aber man kann sie nicht von jemanden bekommen.

Das Gefühl "ohne Dich kann ich nicht sein" ist für mich ein absolutes Alarmzeichen, denn es impliziert, dass man im Aussen etwas sucht, was nicht in einem ist. Das Gefühl, die eigene Erfüllung nur im Gegenüber finden zu können, ist fatal. Dem Anderen wird aufgebürdet, ein "Loch" zu füllen, aber diese Bürde kann niemand tragen, denn es handelt sich hier nicht um ein Loch, sondern um ein Fass ohne Boden, ein schwarzes Loch von Bedürftigkeit, Abhängigkeit, ein emotionales Trauma. Bedürftigkeit und Abhängigkeit sind nicht Liebe.

Wenn Bedürftigkeit, Erwartung und Eifersucht in den Raum treten, schwindet die Liebe. Die Suche nach Geborgenheit, Sicherheit und vertreibt die Liebe ebenso, wie der Versuch, in der Partnerschaft die eigene Einsamkeit zu kompensieren. Für Sicherheit ist nicht die Liebe zuständig, sondern das eigene innere Vertrauen, mit Hilfe des Inneren Vaters und der Inneren Mutter. Diese Komponenten sind in jedem von uns vorhanden, denn jeder hat Vater und Mutter in sich. Ebensowenig ist die Liebe für die Vertreibung der Einsamkeit zuständig; wer sich einsam fühlt, der begebe sich dafür besser unter Menschen und in Gesellschaft. Auch die Heilung seelischer Wunden fällt nicht in die Zuständigkeit der Liebe; für so etwas gibt es Therapeuten und geschulte Fachkräfte.


Liebe und Leid: Leid kann für uns auch da beginnen, wo der Austausch der Liebes-Energie einseitig wird. Wir spüren schmerzhaft, wenn der Partner aus unserer Liebesbeziehung aussteigt. Schaffen wir es nicht, den Austausch wieder ins Gleichgewicht zu bringen so folgt als Konsequenz daraus früher oder später die Trennung. Die Liebe geht, wenn das Denken die Kontrolle übernimmt. Das Denken nimmt der Liebe den Raum.

Manchmal brauchen wir das Gefühl von Leid, um zu uns selbst zurückzufinden, uns selbst wieder zu fühlen. Leid ist überbrückbar durch loslassen und den Mut, Altes gehen zu lassen und die Fähigkeit, sich dem Lebensfluss neu zu öffnen.

"Liebe und Leid" ist eine derart viel gelebte Kombination, sodass viele von uns der Meinung sind, Liebe und Leid seien unzertrennlich.
Leid ist unter anderem ein Resultat der Bedürftigkeit. Bedürftigkeit kommt dann zum Vorschein, wenn wir nicht bekommen, was wir zu brauchen meinen. Doch tiefer betrachtet ist Leid auch Resultat von Widerstand, Erstarrung und Stagnation. Wann immer wir Leid erfahren, so ist es ein Hinweis, dass wir uns in Widerstand in Bezug auf unseren Lebensfluss befinden. Widerstände, die sehr tief in uns stecken, können in Form von Leid zu Tage treten, um zur Erlösung zu kommen. Allerdings ist es für uns bequemer, unbewusst über diese jeweiligen Widerstände zu bleiben und so projizieren wir lieber Verantwortung und die Schuld nach Aussen, und schon sind wir scheinbar "aus dem Schneider"; nur scheinbar, weil wir dann in eine Opferrolle schlüpfen. So hat das Leid weiterhin Bestand, statt das wir es zur Erlösung bringen. Die Partnerschaft ist natürlich ein grossartiger Austragungsort für das Liebe-Leid-Spiel. Wer aber dieses Spiel durchschaut, kann sich und vielleicht auch seine Partnerschaft in den Seins-Zustand der Liebe bringen.

Leid kann man sogar als ein Geschenk betrachten, wenn man willens ist, sich seine eigenen Widerstände, seiner Bedürftigkeit bewusst zu machen; wer mit dem beurteilen aufhört. Das von Aussen erlebte Leid ist nicht Ursache, sondern lediglich Befreier von tief in uns sitzendem Schmerz, Kummer und alten Verletzungen. Wer Verantwortung für sich übernimmt, der wird fähig zur Veränderung; was in Beziehungsfragen zu einer partnerschaftlichen Zusammenführung, als auch zur Trennung führen kann. Liebe ist nicht Leid, sondern vielmehr hat Leid in der Liebe Chance, erlöst zu werden; was immer auch das Leid in uns sein mag, ob Ängste, ein inneres Kind, Widerstand; Erwartungen und was auch immer da sonst noch verborgen sein mag.


Liebe und Hass: Die Kombination "Liebe und Hass" fällt in eine ähnliche Thematik wie "Liebe und Leid". Hass ist eine negative Form der Zuwendung; die Verbindung des Hassenden mit dem Verhassten. Man hasst alles, was man in sich selbst nicht leiden kann. Hass ist eine Projektion. Bringe Liebe in Dir zum verströmen und die Projektion wird sich auflösen.


Liebe und Bedingungslosigkeit: Ich habe hier in diesen Ausführungen schon eingehend veranschaulicht, dass ich Liebe und Emotion nicht für das Selbe halte. Die Liebe selbst, sie ist bedingungslos, neutral, ohne Bewertung usw. Sobald aber Emotion die Bühne betritt, zieht sie die Liebe auf die erdgebundenen Ebene hinunter, die Ding-haftigkeit; dass heisst, die ursprünglich hochfeinschwingende Liebe verlangsamt ihre Schwingung und nähert sich der langsam schwingenden Materie und wird dadurch be-dingt. Das Wort "Ding" steckt ja eindeutig in dem Wort Be-Ding-ung. Wir können keine bedingungslose Liebe leben, wenn wir in der Emotion sind. Deshalb der Schmerz, oder das Leid, oder auch der Hass, den wir fühlen können, wenn wir "lieben". Das Wort "verlieben" bringt es deutlich zum Ausdruck, was passiert, wenn die Emotion die Regie übernimmt: ver-lieben. Zur bedingungslosen Liebe kommt man wieder hin, wenn man die Liebe wieder höher schwingen lässt, raus aus allen Emotionen.

Doch heisst dies automatisch, dass die bedingungslose Liebe ein Freischein ist, der es einem erlaubt, alles zu tun, was einem gerade einfällt? Müssen wir jede Verletzung in Kauf nehmen, bloss weil wir meinen, das gehöre sich so, wenn man in bedingungsloser Liebe ist? Ich möchte daran erinnern, dass Liebe nicht Leid ist. Befinden wir uns im Leid, dann sind wir nicht in der Liebe; vor allem sicher nicht in der bedingunglosen Liebe.
Sicher, wir dürfen jegliche Erfahrung leben, die wir wollen; dafür sind wir hier; was wir aber oft dabei vergessen, ist, dass wir jegliche Erfahrung, die wir machen, samt ihren Konsequenzen tragen müssen. Das sind die Bedingungen unserer Ebene hier. So kann es sein, dass, wenn man in der feinschwingenden Liebe ist, auf diese oder jene Erfahrung verzichtet,wenn man weiss, dass die Konsequenz dieser Erfahrung lieblos ist.

Wenn wir uns eine in Partnerschaft begeben; wie z.B. in die übliche Mann-Frau-Beziehung, so ist dies automatisch immer an Bedingungen gebunden. Das fängt an, wenn man beginnt, zwei Leben zusammenzuführen, wenn man zusammenzieht, und gemeinsam leben will. Man zahlt gemeinsam Miete, oder kauft sich gemeinsam ein Haus. Man lebt ein gemeinsames Leben; jeder macht seine Sachen, oder man macht sie gemeinsam, oder man teilt gewisse Bereiche auf. Das alles ist an Bedingungen und Verpflichtungen geknüpft, denn ohne diese kann es nicht funktionieren. Diese Bedingungen; Abmachungen und Verknüpfungen lebt man aufgrund von Willens-Entscheidungen, die man getroffen hat. Hält sich jemand nicht an die Vereinbarung, kann dies die Funktion der gemeinsamen Partnerschaft empfindlich stören. Wenn jemand sich aufgrund der bedingungslosen Liebe nicht partnerschaftlich binden kann, dann hat er/sie wohl ein persönliches Problem damit. Bedingungslose Liebe ist ein spiritueller Seins-Zustand; losgelöst von Emotionen.


Liebe und Sexualität: man spricht oft von "Liebe machen". Nun, was hier auf körperlicher Ebene geschieht, ist in der Tat Auflösung und Verschmelzung.
Wenn Sexualität in Liebe geschieht, so wird das Erlebnis eines Paares ins Göttliche erhoben. Es ist etwas sehr Intimes, Vertrautes. Ein Paar, das in Liebe ist, wird auch in Liebe körperlich miteinander verschmelzen wollen. Wenn wahre Liebe zwischen den Partnern ist, so werden sich auch beide der Einmaligkeit ihres sexuellen Erlebens bewusst.

Die Heiligkeit und Spiritualität der körperlichen Vereinigung ist nicht jedem von uns bewusst. Ich empfehle jedem Paar, sich auf die Kraft und Heiligkeit ihrer Sexualität einzulassen. Wenn wir als Paar im Rahmen des intimen Zusammenseins in ekstatischen Zuständen sind, so können wir die freigesetzten Kräfte einmal ganz bewusst durch unsere Körper ziehen, durch alle Chakren. Dabei öffnen wir unser Kronenchakra, so dass diese Kräfte auf die Ebenen unserer feinstofflichen Körper einfliessen können und uns gegenseitig stärken. Göttliche Liebe.

Der körperliche Akt funktioniert aber auch ohne Liebe. Wenn jedoch die Liebe zum lieblosen körperlichen Akt reduziert wird, was bleibt noch übrig als nur der unreflektierte Trieb?

Liebe und Wille: Wahrer Wille ist das, was uns geschieht; der Wille unserer Seele, unseres Selbsts. Der Wille, den wir als "wollen" verspüren, entstammt unserem Ego. Viele verwechseln den Willen der Seele mit dem Willen des Ego. Den Willen des Ego nenne ich "gewollter Wille". Liebe kann nicht unter einen "gewollten" Willen gestellt werden, weil Liebe sonst nicht wäre, was sie ist, nämlich Liebe. Liebe ist unter gar nichts; sie IST einfach und wer versucht, sie zu beugen und unter den Willen zu bringen, handelt in Wahrheit lieblos. Wille jedoch kann in Liebe geschehen und der Wille unseres Selbsts geschieht in Liebe zu uns.

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